"Frauen, die aufrecht stehen und versuchen die Welt zu retten"
Datum
Interview: Judith Falentin
Antigone besteht darauf, ihren Bruder Polyneikes zu beerdigen, obwohl er Krieg gegen die eigene Stadt geführt hat und daher als "Verräter" gilt. Sie lehnt sich gegen den Herrscher auf. –Warum hast du diesen Stoff gewählt?
Mikheil Charkviani: Das Stück haben wir gemeinsam mit dem Team des Wiesbadener Theaters ausgewählt. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch in Georgien politisch und gesellschaftlich aktiv. Ich war ständig auf der Straße und habe protestiert. Man hat mir verschiedene Stoffe angeboten, einer davon war "Antigone". Ich dachte mir, wenn ich mich gerade in diesem emotionalen oder intellektuellen Zustand befinde, ist das genau der richtige Moment, meine Erfahrungen mit Protest und Widerstand zu nutzen, um "Antigone" zu inszenieren, denn so ein Stück inszeniert man nicht jeden Tag.
Was hat dieser Text mit uns zu tun?
"Antigone" ist ein klassisches Theaterstück, das stets aktuell bleibt. Momente moralischer Krisen wie die, die wir gerade durchleben, verleihen ihm noch mehr Relevanz, weil es sich dadurch zu einem besonders ausdrucksstarken Mittel entwickelt, um unsere Zeit zu beschreiben. Aufgrund des politischen Kontexts in Georgien, aufgrund des Widerstands, der nun schon fast 500 Tage andauert, und aufgrund des dortigen aufständischen Regimes hatte ich das Gefühl, dass dies der richtige Moment ist. Also entschied ich mich für "Antigone", und ich bin sehr froh, dass ich dieses Stück gewählt habe.
All diese Monate habe ich in Georgien beobachtet, wie diese Frau ein Symbol des Widerstandes in meinem Land wurde.
Die Rolle der Frau in der Gesellschaft spielt eine große Rolle in Antigone. Wie bist du damit umgegangen?
Ich würde sagen, dass das eine der Hauptinspirationen für mich war, also der weibliche Charakter, der weibliche Widerstand. Ich denke dabei viel an Mzia Amaghlobeli, eine georgische Journalistin und politische Gefangene. Zuerst ist sie für zwei Tage inhaftiert worden. Während dieser Zeit wurde sie misshandelt und angegriffen, als Person, als Bürgerin, als Frau und als Journalistin. Als sie wieder rauskam, traf sie den Polizeichef, der an dieser Gewalt gegen sie beteiligt war, und gab ihm eine Ohrfeige. Sie wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Während ihres Prozesses bin ich regelmäßig im Gericht gewesen, um die Verhandlungen zu verfolgen. All diese Monate habe ich in Georgien beobachtet, wie diese Frau ein Symbol des Widerstandes in meinem Land wurde. Sie war eine noble, wichtige und glänzende Figur, die viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Für mich war klar, dass ich über sie erzählen muss. Darüber, wie stark und groß ihr Widerstand und ihre Prinzipien sind und darüber, dass wir als georgische Menschen sie nicht retten, ihr nicht helfen können.
Wie tauchen solche realen Menschen in deiner Inszenierung auf?
Wir haben in der Performance Videomaterial, das sich auf verschiedene Formen des Widerstands konzentriert, insbesondere auf Frauen im Widerstand. Es ist sicherlich sehr allgemein gehalten, befasst sich mit verschiedenen Frauen und Aktivistinnen und beleuchtet unterschiedliche Formen des Widerstands in verschiedenen Ländern, aber für mich war die wichtigste Inspiration Mzia Amaghlobeli und ihr Kampf gegen Ungerechtigkeit und gegen das Regime: wie sie sich in Georgien auflehnt und von Tag zu Tag stärker wird.
Welche Rolle spielen Antigones Beziehungen zu anderen Figuren in dieser Erzählung?
Antigone ist ein Familiendrama und die familiären Beziehungen sind wichtig, aber in dieser Inszenierung habe ich entschieden, dass es ein bisschen anders ist. Sophokles hat das Gleiche gemacht, als er Antigone von ihrer ganzen Familie isoliert hat: Während sie alle leben, verbindet er Antigone mit dem toten Teil ihrer Familie. Von Anfang an ist sie isoliert von allen anderen, von ihrer Schwester, von ihrem Onkel Kreon und ihrem Verlobten. Sie bewegt sich hin zum Tod, hat entschieden, zu sterben. Die wohl wichtigste Beziehung für mich ist die zum Publikum und wie Antigone mit ihm umgeht. Sie spricht mit ihnen, wie sie mit den Menschen in Theben spricht, und wirft ihnen vor, dass sie zwar ihr Unglück beobachten, aber keine Verantwortung übernehmen. Diese Beziehung mit dem Publikum ist die einzige, die Antigone freiwillig eingeht. Das ist eigentlich die Haupttragödie. Sie entscheidet, dass das, was sie tut, richtig ist, dass es nichts mit irgendwem anders zu tun hat. Sie sagt, dass sie etwas folgt, das größer und wichtiger ist als Gesetze. Sie will sterben, weil niemand etwas unternimmt. Das ist etwas, was sich auf die Gesellschaft auf der ganzen Welt bezieht.
Jetzt, wo ich nicht mehr so aktiv bin, habe ich das Gefühl, jeden Tag Menschen zu beobachten, die struggeln, und selbst Teil dieser Gesellschaft zu werden, die nur observiert.
Also ist sie eine moderne Widerstandskämpferin?
Ich habe viele von ihnen gesehen. Frauen und auch Männer, die versuchen, mit friedlichen Protestformen zu gewinnen. Jeden Tag in vielen verschiedenen Ländern kämpfen und struggeln sie. Und wir schauen zu. Für mich ist die Idee hinter Antigone, oder hinter jeder Tragödie, das Publikum zu stillen Beobachter*innen zu machen, wie wir es durch soziale Medien ständig sind. Das ist etwas, was ich auch fühle, besonders gerade, wenn ich nicht in Georgien bin. Ich lebe nicht mehr in Tiflis, weil es für mich nicht mehr möglich war, dort zu arbeiten. Das liegt am Regime, an meinem Widerstand und dem Aktivismus, den ich betrieben habe. Jetzt, wo ich nicht mehr so aktiv bin, habe ich das Gefühl, jeden Tag Menschen zu beobachten, die struggeln, und selbst Teil dieser Gesellschaft zu werden, die nur observiert. Das ist es, was mich antreibt. Ich habe Angst und ich versuche, meine Plattform zu nutzen, um den Fokus auf Widerstand zu lenken. Ich möchte Frauen hervorheben, die in verschiedensten Ländern aufrecht stehen und versuchen, die Welt zu retten. Ich weiß nicht, was Theater oder ich als Theaterschaffender sonst gerade tun kann.
Mehr zur Autorin
Judith Falentin ist 21 Jahre alt und studiert Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Schon länger beschäftigt sie sich mit dem Schreiben als Kunstform und freut sich sehr, am Festivalblog mitzuarbeiten und neue Erfahrungen zu sammeln.