"Wie klingt es, wenn Menschen keine Menschen mehr sind?"
Datum
Interview: Judith Falentin
Wie bist du den "Nashörnern" das erste Mal begegnet?
Anna Marboe: Ich fand Ionesco immer schon irgendwie interessant, kannte aber eigentlich eher "Die kahle Sängerin". Dann habe ich mit der Dramaturgin Hannah Mey auf der Suche nach Blockbustern, die aber trotzdem so einen Rest Punk in sich tragen, "Die Nashörner" gefunden. Ich fand das super, weil es zwar ein absurdes Theaterstück ist, aber trotzdem einer relativ klaren Erzählstruktur folgt. Und es passiert was Absurdes: Menschen verwandeln sich in Nashörner, trotzdem besteht ein politischer Bezug. Da werden wichtige gesellschaftliche Themen auf eine abstrakte, humorvolle Weise abgehandelt, das hat mich interessiert.
Eigentlich sind die Möglichkeiten des Gesagten grenzenlos, weil man sich schon in einer absurden Realität befindet.
Was ist für dich am absurden Theater so faszinierend?
Es erlaubt sich eine Fantasiewelt, die das, was in der Welt passiert, nicht eins zu eins das übersetzt, sondern es nimmt, verkleidet und in einer neuen Welt widerspiegelt. Dem absurden Theater sind weniger Grenzen gesetzt, weil es diesen psychorealistischen Anspruch nicht hat. Eigentlich sind die Möglichkeiten des Gesagten grenzenlos, weil man sich schon in einer absurden Realität befindet. Ich finde dann spannend, dass die Abstraktionen von Themen eigentlich noch eine viel konkretere Besprechung zulassen, weil man eben nicht in der Realität verhaftet bleibt. Weshalb ja auch absurdes Theater ganz oft in faschistischen Systemen oder nach autoritären Phänomenen am Florieren ist, weil durch die Zensur so viele Sachen nicht mehr gesagt werden dürfen. Das absurde Theater flüchtet sich in Fantasien. Und das finde ich einerseits sehr smart und andererseits extrem witzig, weil man ernste Sachen verhandeln kann, ohne alles so ernst nehmen zu müssen.
Wie passen "Die Nashörner" in unsere Zeit?
Das Stück wurde geschrieben als Parabel auf die faschistischen Systeme in der Zeit. Das ist auch in der Biografie von Ionesco verhaftet. Wir haben gerade wieder mit autoritären Strömungen und faschistischen Regimen zu tun. Dementsprechend ist diese Art von gesellschaftlichen Phänomenen total relevant und aktuell. Gleichzeitig hat Ionesco sich selber immer dagegen gewehrt, dass das Stück nur diese Parabel auf den Faschismus ist, weil es kein absurdes Theater wäre, wenn es nur eine Deutungsmöglichkeit gäbe.
Wie ist deine Sicht auf das Stück?
Es sind einfach nur Menschen, die sich in Nashörner verwandeln, nicht mehr, nicht weniger. Das fand ich so toll. Man kann damit alles sagen, man kann sich aber auch allem verweigern. Das ist ein sehr zeitgeistiger Ansatz. Man kann alles ironisieren und sich aus der Affäre ziehen, indem man sagt, es war ja nur ein Spaß oder es war gar nicht ernst gemeint und die Kritik quasi schon in das Stück einbaut. Wir haben das Ganze weniger auf den Faschismus an sich inszeniert, um uns von einer eindeutigen Interpretation ein bisschen zu entfernen, sondern haben den Fokus mehr auf Massenphänomene und Populismus gelenkt. Bei uns sind die Nashörner eine Art Musical-Gruppe.
Wie hört sich das dann an?
Wir haben uns gefragt: Wie klingt es, wenn die Menschen keine Menschen mehr sind? Sie sind dann Nashörner oder Mitglieder einer Gruppe, in der sich das Individuum zugunsten der Gruppe auflöst und so die akustische Reibungsfläche verliert, die alles Menschliche in seiner Imperfektion in sich trägt. Wir sind daher auf KI-generierte Songs gekommen, weil das dem am besten entsprochen hat. Man hört es und findet es irgendwie geil und möchte dabei sein. Gleichzeitig ist es komplett seelenlos. Das war dann in den KI-Songs am leichtesten zu finden. Es ging uns in der ganzen Suche weniger darum, wem man nachläuft und wer der konkrete neue Anführer ist, sondern um die Frage, warum Menschen so gern gemeinsam rennen, wie Gruppenzugehörigkeit sich ausdehnt, inwiefern das Individuum sich in der Gruppe auflöst und was sich daran auch gut anfühlt.
Mehr zur Autorin
Judith Falentin ist 21 Jahre alt und studiert Angewandte Theaterwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Schon länger beschäftigt sie sich mit dem Schreiben als Kunstform und freut sich sehr, am Festivalblog mitzuarbeiten und neue Erfahrungen zu sammeln.